Istanbul, die Nacht auf den 17. April 2017.

Ich bin in Kadiköy, auf der asiatischen Seite der Stadt, als immer klarer wird, was hier – in dem zu einem kleinen Redaktionsbüro umgeräumten Keller einer Bar – niemand wahrhaben will.

Dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist sein Meisterstück gelungen. Der Mann, der vor rund 16 Jahren den unvergleichlichen Aufstieg vom politischen Outlaw zum Führer der so stolzen Nation gelang, hat nach der fast uneingeschränkten Macht gegriffen. Und das Volk hast sie ihm gegeben.

Oder, das glauben zumindest die meisten im Keller von Kadiköy: Erdogan hat sie ihm entrissen.  Den Wahlergebnissen, wie sie die Nachrichtenagentur Anadolu in einer bizarren Auszählungsposse offenbart, glaubt hier niemand. Und doch sind die Menschen in dieser bitteren Stunde eher niedergeschlagen denn wütend.

Gürkan, ein Journalist und Freund aus Istanbul, bringt es auf den Punkt: „Heute wurde besiegelt, dass die Türkei in Zukunft nach Osten und zu Putin blickt und nicht Richtung Westen.“

Als ich die Bar verlasse, ist es schon spät am Abend und ein Gewitter bricht über die Stadt herein. Ich fahre mit der Fähre auf die europäische Seite. Es donnert – sonst ist es ruhig. Erschreckend ruhig. Ich finde ein Taxi.

Gegen 12 Uhr bin ich zuhause in meiner Wohnung in der Ömer Hayyam Caddesi. Ich bin schon viel zu lange wach, da twittern die ersten: In Besiktas versammeln sich Menschen. Sofort rufe ich wieder ein Taxi.

DSC00072

DSC00085

DSC00086DSC00089Es sind erst nur ein paar dutzende Menschen, am Ende – es ist schon tief in der Nacht – sind es tausende. Sie stimmen Gesänge gegen Recep Tayyip Erdogan an und klopfen auf Pfannen und Kochtöpfe, eine Form des Protests, die sich in der Türkei mit dem Taksim-Aufstand etabliert hat.

Immer wieder fahren zustimmend hupende Autofahrer an den Menschen vorbei, viele von ihnen in Taxis. Auch hier skandieren die Menschen „Lügenpresse“, als sie am Büro der AKP-nahen „Sabah“ vorbeilaufen.

An einer Straßenkreuzung ist dann Schluss: Es haben sich schwer bewaffnete Polizisten aufgebaut, sie blockieren den Weg. Die Menschen, hunderte drücken noch von hinten auf die Straßenbiegung, sammeln sich. Es wird diskutiert und gebrüllt – bestimmt eine halbe Stunde lang. Einige sind wütend, wollen sich nicht so einfach ausbremsen lassen.

Doch mit Erdogan siegt auch die Vernunft der Menschen in dieser Nacht.

Sie gehen nach Hause. Ein von vielen befürchtetes Blutbad bleibt aus.

Ein Jahr später: Wieder bin ich in Istanbul, wieder triumphiert Erdogan bei den Wahlen.

Doch in Besiktas schreit niemand. Niemand klopft auf Pfannen. Es ist erschreckend ruhig.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s